Leben in der Demenz-WG - ein Artikel der MZ von Lisa Garn

Im Dezember 2025 fragt die MZ Reporterin Lisa Garn beim AWO  Landesverband an, ob sie einmal eine Demenz WG besuchen könne. Auf diese Umfrage lud der Kreisverband Wittenberg sie ein.

 

Wir finden: "Ein wirklich rührseliger, emotionaler und gut geschriebener Artikel." entstand daraus.

 

Der Artikel ist für MZ Abonnenten hier abrufbar: https://www.mz.de/mitteldeutschland/sachsen-anhalt/ich-hatte-eine-bilderbuch-ehe-wie-dieter-raschmann-in-wittenberg-ein-neues-zuhause-fand-4196546

 

oder folgend:

 

„Ich hatte eine Bilderbuch-Ehe“: Wie Dieter Raschmann in Wittenberg ein neues Zuhause fand

 

Bei Demenz scheint ein Pflegeheim oft der einzige Ausweg. Doch es gibt Alternativen: In einer Wittenberger Wohngemeinschaft leben Betroffene wie in einer Familie zusammen. Die WG-Nachfrage ist groß. Wie leben Demente dort?

Von Lisa Garn

 

Ein kurzer Blick ans andere Ende des Frühstückstisches reicht. „Na, Frau Kitzig, Sie gefallen mir heute gar nicht“, sagt Yudilasi Varela Beritan. „Gestern haben Sie noch so schön gesungen.“ Die Angesprochene stimmt zu: „Ich habe heute keine Lust, es ist komisch.“ Wie die Stimmung nun wieder kommt, fragt Beritan und füttert einen Bewohner mit einer Banane. Die Pflegerin hat heute die Frühschicht in der Demenz-Wohngemeinschaft der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Wittenberg. Insgesamt zehn Frauen und Männer wohnen in der WG – eine Wohnform, die in Sachsen-Anhalt immer häufiger wird.

Rund 56.000 Menschen sind hier dement, das ist auf die Gesamtbevölkerung bezogen die höchste Quote bundesweit. Bis 2026 sollen sich die Zahlen verdoppeln. Das stellt Pflegeeinrichtungen vor Herausforderungen, nicht nur personell. Und es stellt sich immer drängender die Frage: Wie sollen Demenzerkrankte wohnen? Noch fehlen ausreichend Angebote für Erkrankte, die nicht mehr zu Hause leben können, für die das Pflegeheim aber keine Option ist.

Demenz-WG in Wittenberg soll familienähnliches Leben ermöglichen

Die WG in Wittenberg besteht seit 2008, es war damals die erste in der Region. „Wir wollten ein neues Angebot, mit dem Demenzerkrankte weitgehend selbstbestimmt leben“, sagt Britta Lange, Pflegedienstleiterin der Sozialstation und Tagespflege der Awo. „Eine Wohngemeinschaft ist wie eine kleine Familie. Die Bewohner teilen über Jahre ihren Alltag, sie werden in Aufgaben eingebunden.“

Jeder hat sein Zimmer, das er selbst einrichtet. Ansonsten teilen sich die Mieter einen Wohn- und Essbereich, das Gemeinschaftsbad. Betreut wird die WG vor Ort rund um die Uhr von Pflegekräften im Schichtdienst, zudem kommt ein ambulanter Pflegedienst. Die Nachfrage sei immens, sagt Lange.

Beritan holt einen Bewohner hinzu. Ein großer Mann kommt gemächlich ins Gemeinschaftszimmer. Dieter Raschmann hat zwei Mundharmonika dabei. „Einen schönen guten Morgen, was darf es denn sein?“, fragt er in die Runde. Und stimmt ein altes Volkslied an: „Horch, was kommt von draußen rein“. Und Vera Kitzig singt plötzlich mit. Raschmann ist 92 Jahre alt und sehr gesellig, er hält hier einen Schwatz, verteilt dort ein Kompliment. Jeden Tag um 16 Uhr macht er seine Runde in Wittenberg. Die WG liegt direkt im Stadtzentrum.

Feste Tagesstruktur soll Demenzerkrankten helfen

Während der Woche gehen die Bewohner in die Tagespflege nebenan. „Manche sagen auch, dass sie zur Arbeit gehen. Ein bisschen ist das so“, sagt Pflegedienstleiterin Lange. Demenzerkrankte brauchen eine feste Tagesstruktur. Die Tagespflege beginnt von Montag bis Freitag mit einem Frühstück, dann folgen Zeitungsschau und gemeinsame Aktivitäten. Die Gruppe besucht auch das Lutherfest oder den Weihnachtsmarkt.

Am Wochenende soll der Alltag wie zu Hause sein. „Wenn jemand seinen Schlafanzug anbehalten will, dann macht er das.“ Bewohner können auch das Haus verlassen. Das ist nicht immer einfach: Demenzkranke haben eine „Hinlauftendenz“. Sie wollen immer irgendwohin, die meisten einfach nur nach Hause oder zur Arbeit. „Wir haben sie im Blick, aber manchmal ist einer weg. Wir schwärmen dann aus und suchen.“

Raschmann lebt seit etwa vier Jahren in der Wohngemeinschaft. Wird er nach seinem Leben gefragt, sprudelt es aus ihm heraus. Er stammt aus Dobien, einem Ortsteil von Wittenberg. Weil sein Vater zum Kriegsdienst in einem Stickstoffwerk in Bayern verpflichtet worden war, zogen sie weg. „In Bayern wurde ich eingeschult und von Nonnen unterrichtet. Eine war sehr streng, aber sehr hübsch. Da wusste ich: Meine Frau soll auch so sein.“

Dieter Raschmann spielt in der Wittenberger Wohngemeinschaft Musik

Wann und wie er wieder in seine Heimat kam, ist nicht so ganz klar. Er machte eine Ausbildung zum Installateur und Bauklempner, später sei er Lehrer gewesen, sagt Raschmann. Die Zusammenhänge verschwimmen. Aber er erzählt diese Stationen seines Lebens voller Freude und auch Stolz.

Musik habe er schon als kleiner Junge geliebt, erzählt er. „In der Schule hatte ich in Musik eine Eins und in Mathe eine Drei“, sagt er und lacht. In Raschmanns Zimmer steht auch ein Keyboard, auf dem er regelmäßig spielt. „Ich kann auch jodeln, noch aus meiner Zeit in Bayern“, sagt er und beginnt sofort ein Lied. Der 92-Jährige lächelt viel, wirkt körperlich fit. „Das muss auch so sein. Früher habe ich Judo-Sport betrieben.“ Eine Bewohnerin kommt herein, sie sieht sich kurz um und geht wieder.

Manche Passagen seiner Biografie wiederholt Raschmann oft. Er kann sich aber sehr genau an Emotionen erinnern. Die Liebe zu seiner Frau hat ihn ein Leben lang getragen. „Sie wohnte schräg gegenüber, wir sind zusammen zur Schule gegangen. Als es zum Tanzvergnügen ging, habe ich sie nach Hause gebracht und sie hat sich untergehakt.“ Irgendwann tranken sie einen Kaffee bei ihr. Ihre Mutter sei erst nicht begeistert gewesen, „ich war nur ein Installateur“. Aber es fügte sich. Raschmann hat zwei Töchter und Enkel. Wie viele, das weiß er nicht.

Bewohner in der WG brauchen familiäre Anbindung

Raschmanns Frau ist inzwischen gestorben. Auf einem Tisch stehen Fotos, er zeigt ein Hochzeitsbild. „Ich hatte eine Bilderbuch-Ehe, wir haben nie gestritten“, sagt er. „Sie war eine wunderbare Frau.“ Dann beschreibt er noch einmal, wie sie sich kennengelernt hatten. Und wie er auf sein Leben blickt: „Ich bin zufrieden.“

Wer in die Wittenberger WG einziehen will, braucht eine familiäre Anbindung,. „Die Bewohner sollen Besuch von Angehörigen bekommen, etwas unternehmen. Nichts ist schlimmer, als hier einzuziehen und niemanden zu haben“, sagt Lange. Demenz ist eine schonungslose Krankheit: Über die Zeit verändert sie jeden, der in die WG einzieht. Macht schnell reizbar oder launisch. Deshalb ist es wichtig, die Biografien der Bewohner zu kennen. „Wenn man viel aus dem Leben weiß, kann man die Bewohner auf bestimmte Dinge oder Vorlieben ansprechen und sie auch beruhigen.“

Die Mitarbeiter müssen sich auf die Realität der Mieter einlassen. Wenn jemand von seiner Frau erzählt und wie er zu Hause lebt, gehen sie darauf ein. Wenn eine Mieterin von ihrer Arbeit spricht, die sie regelmäßig aufsucht, wird sie nicht korrigiert, obwohl kein Wort stimmt. „Ich mache einfach mit. Wir sind die besten Schauspieler.“ Und sie begleiten Bewohner etwa fünf bis zehn Jahre, das ist im Vergleich zu Pflegeheimen eine lange Verweildauer.

Neue Modelle für das Leben mit Demenz in Sachsen-Anhalt gesucht

In Wohngemeinschaften ist die Betreuung individueller möglich, sagt Anja Bieber, Koordinatorin des Landeskompetenzzentrums Demenz, das den Aufbau demenzsensibler Strukturen vorantreiben will. „Wir brauchen aber noch mehr Ideen und Pioniere für alternative Wohnformen.“ So gebe es in westlichen Bundesländern Demenz-Wohngemeinschaften, die Angehörige privat organisieren. Auch Pflegehöfe für Demenzerkrankte sind ein Ansatz, das Modell stammt aus den Niederlanden. Die Bewohner leben auf einem Bauernhof, auf dem sie Tiere versorgen, Gärten gestalten, im Gemeinschaftshaus Zeit verbringen.

„Solche Konzepte wollen wir in den nächsten Jahren begleiten. Nötig sind mutige Menschen und mehr Offenheit in Kommunen und Behörden.“ Gleichzeitig seien Pflegeheime nicht verzichtbar. „Aber wir müssen sie noch demenzsensibler gestalten. Die Spezialisierung reicht noch nicht aus, alle Mitarbeiter müssen geschult sein.“

Lange beschreibt Demenz als Bücherregal, in dem jedes Buch für ein Lebensjahr steht. „Mit der Zeit fallen immer mehr Bücher heraus, die Lücken werden größer.“ Teil der Erkrankung ist der Verlust der Sprache. Betroffene können sich immer weniger mitteilen, so dass Bedürfnisse mehr erspürt werden müssen.

Für Angehörige ist es oft schwierig, Wesensveränderungen zu akzeptieren. „Dabei sind das keine fremden Facetten. Wir alle haben eine Fassade, zum Beispiel auf Arbeit. Zu Hause sind wir anders“, meint Pflegechefin Lange. „In der Demenz ist das Verhalten nicht mehr steuerbar. Manche Eigenschaften kommen dann von unten hervor, wie als Kind.“ Immer ruhig zu bleiben, das sei auch manchmal für Pflegekräfte schwierig und anstrengend. Doch das Leben in der WG könne den Verlauf der Demenz verlangsamen.

Für Raschmann ist die Wohngemeinschaft sein Zuhause geworden, sagt er. „Es ist ruhig, alle sind freundlich. Ich muss nicht kochen.“ Ob er weiß, dass er in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke lebt? „Demenz habe ich nicht. Ich lebe hier, weil ich zu Hause alleine wäre. Und ich bleibe auch hier.“

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Fr, 20. Februar 2026

Bild zur Meldung

Weitere Meldungen